Autistic Axolotl

Obacht. Ich werde jetzt ausschweifend.

Guten Tag.

Wissen Sie, wie es ist, wenn man keine Ahnung hat? Ich weiß es, fehlt mir selbige doch recht häufig. Das liegt einfach daran, dass ich mir zwar viele Dinge ergugeln kann, aber ach, Ersatz für eigene Erfahrungen und Erlebnisse ist das nicht. Oder sollte es nicht sein. Für manche Menschen ist es offensichtlich der Kern, zu dessen Verhüllung ein detonierender Pudel nur zeitweilig notwendig ist (Fußnote 1). Einer der Menschen, die ebenso offensichtlich mühelos in der Lage sind, aus frisch Ergugeltem genauso frisches Erbrochenes in Textform zu generieren, ist Frau Helene Hegemann.

Sie können sich an Frau Hegemann nicht mehr erinnern? Macht nichts. Haben wir gleich, keine Bange. Im zarten Alter von siebzehn Jahren veröffentlichte Frau Hegemann ein Buch mit dem schönen Namen »Axolotl Roadkill«. Daraufhin geschahen zwei Dinge. Zunächst beschloss das deutsche Föätong (Fußnote 2), Frau Hegemanns Buch in den höchsten Tönen als besonders »authentisch« in den Himmel zu loben. War doch eine feine, mehrseitige Fickszene drin. Und was gibt es für einen langsam verwelkenden Föätong-Schreiber Großartigeres, als seinen genauso verwelkenden Schrumpfpimmel-Phantasien endlich mal hochgeistig freien Lauf lassen zu können. Die primären Geschlechtsorgane einer Siebzehnjährigen sind ja schon ganz schön geil, darf man halt nicht so sagen. Aber mit dem doppelten Umweg über Literatur und deren nachträgliche Besprechung geht das dann. Die anderen finden es ja genauso verschämt geil.

Das Zweite, das passierte war, dass irgend ein gemeiner Mensch herausfand, dass Frau Hegemann, wenn man wirklich kleinlich ist, weite Teile ihres Buches ja gar nicht geschrieben hat. Sondern geklaut. So mit ohne Fragen. Und so mit als eigenen Geistes Kind ausgeben. Und dann war sie weg vom Fenster, die Frau Hegemann. Dass sie drei Jahre später noch ein Buch geschrieben hat, hat irgendwie keiner mehr mitbekommen.

Frau Hegemann schreibt Dinge

Jedenfalls braucht Frau Hegemann offensichtlich Geld. Verständlich, wer nicht. Und weil ihre Bücher keiner mehr haben will, schreibt sie eben Föätong. Und hey, immerhin in der FAZ. Ich wage zwar nicht zu ermessen, wie viel Geld man für so ein schönes breitgelatschtes Föätong-Ding bekommt (Zwar schreiben häufig traurige Arschlöcher im Föätong, Arschhaarzöpfe hingegen eher nicht. Ich müsste es also gugeln. Aber ach.), aber ich hoffe, es war nicht viel. Denn Frau Hegemann schrieb so himmelschreienden Bullshit, dass es mir die Zehennägel aufrollt. Doch ich schweife ab. Gugeln statt Wissen war der Einstieg.

Also. Frau Hegemann schreibt einen Haufen Zeug. Ich lese es (sollten Sie auch) und beginne, mir eine Meinung zu bilden. Dazu später mehr. Und dann bleibe ich am Begriff »autistisch« hängen. Dazu und damit schreibt Frau Hegemann auch so allerlei. Das ist in dem Moment aber schon gar nicht mehr mein wichtigstes Problem. Die schrulligen Vergleiche, die sie unter dem Deckmantel des Autismus zieht, sind es. Um das besser zu verstehen, schlage ich erst mal den Begriff nach.

»Autismus«, so das klinische Wörterbuch von Pschyrembel (Fußnote 3), ist eine »Kontaktstörung mit Rückzug auf die eigene Vorstellungs- und Gedankenwelt und Isolation von der Umwelt«.

Aha.

Mal fragen

Schlägt man in der Wikipedia nach, erhält man das Ganze noch etwas ausführlicher. Davon, dass wie Frau Hegemann schreibt, Autisten bereits im Vorschulalter masturbierend an einem Kronleuchter hängen, steht da allerdings nichts. Ich wusste mir, Gugel hin, Wikipedia her, einfach keinen anderen Rat, als jemanden zu fragen, der mehr Ahnung von der Materie hat als ich jemals haben werde. Also fragte ich einen Menschen mit Autismus. In diesem Fall eine Autistin, namentlich @outerspace_girl. Sie hatte den Artikel auch gelesen, wir hatten also eine gute Basis für ein informatives Gespräch. Dieses verlief schriftlich und (der für diesen Blogpost relevante Teil) folgendermaßen:

Frage: Warum ärgert Dich der Artikel so sehr?

Antwort: Wir nennen uns eine tolerante Gesellschaft. Man ist politisch korrekt und macht im Idealfall weder Witze über die ethnische Herkunft, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung einer Person. Besonders nicht, wenn man zu den akademisch gebildeten Personen, zu denen ich Journalisten zähle, gehört. Man zeigt im Rahmen der Meinungsfreiheit weitestgehend Respekt voreinander und Behinderte müssen nicht als Vorlage für flache Witze und schlechte Vergleiche herangezogen werden.

Bis auf die kleine Gruppe der Autisten.

Für uns scheinen diese Regeln nicht zu gelten und so werden wir sehr oft Gegenstand verschiedenster Ableismen (Fußnote 4): Wann immer man Egozentrik, Eigenbrötlerei, soziale Inkompetenz, Menschenfeindlichkeit oder schlicht nur Sturheit einen gebildet klingenden Deckmantel geben will, kommt der Autismus ins Spiel. Dass Autisten, die Tag für Tag mit ihren Einschränkungen leben (die oft so gar nichts mit dem jeweils Beschriebenen zu tun haben), so zur Witzfigur oder schlimmstenfalls zum Opfer harscher Beleidigungen werden, scheint für die Schreibenden nicht relevant zu sein.
Wehren wir Autisten uns dagegen, begehren wir auf (was wir via Twitter und Blogs oft genug versuchen), hören wir nicht selten Phrasen wie „Stellt euch doch nicht so an, das ist doch nicht so gemeint“, die nur noch mehr betonen, wie wenig Achtung man vor uns hat.
„Autistisch ist das neue schwul“, twitterte ich letztens traurig und ich fürchte, dass die völlig falsche Annahme, Autisten hätten keine Emotionen, solche Menschen glauben lässt, sie können uns mit all dem auch nicht verletzen.

Frage: Du fühlst Dich also durch den Artikel verunglimpft?

Antwort: Sehr.
Medien sind meinungsbildend.
Gut sieht man das an den folgenden zwei Beispielen:
Nach jedem Amoklauf eines vermeintlich autistischen Täters – und davon gab es in den letzten zwei Jahren leider einige, doch keiner der Täter war Autist – fürchten Menschen, alle Autisten seien potentielle Amokläufer.
Rain Man, der 1988 erschienene Film mit Dustin Hoffman, prägt nach beinahe 30 Jahren noch immer die Vorstellung von Autismus, obwohl der Film rein gar nichts mit Autismus zu tun hat. Man sieht in uns die vor- und zurückwippenden Inselbegabten und jeder, der nicht in das Bild passt, kann ja gar kein richtiger Autist sein.

Wenn man Verständnis, Rücksicht und Hilfe möchte, kommt man um ein Outing nicht herum. Es ist jedoch nahezu unmöglich oder zumindest recht unklug, sich zu outen, wenn mein Gegenüber daraufhin glaubt, ich sei ein potentieller Massenmörder, ein egozentrischer Irrer, ein inselbegabter Psychopath oder jemand, der nur ein mit Haut überzogener Roboter ohne Gefühle ist.

Ich bin aber einfach nur ein Mensch. Eine recht normale Frau, die ein paar Einschränkungen und Schwierigkeiten mehr hat als neurotypische Menschen. Eine Person mit einer Behinderung, die ebenso akzeptiert und gemocht werden will, wie alle anderen auch.

Frage: Was glaubst Du, was Frau Hegemann mit ihrem Autismus-Vergleich in ihrem Artikel erreichen will?

Antwort: Ich kann – und ich muss an dieser Stelle zugeben, ein bisschen froh darüber zu sein – nicht in Frau Hegemanns Kopf schauen. Vielleicht wollte sie besonders schlau klingen. Eventuell ging es darum, ihren Worte auf eine sehr drastische Art und Weise Ausdruck zu verleihen. Es kann aber auch sein, dass sie die Formulierung mit voller Absicht gewählt hat, wissend, dass wir darüber berichten. Denn das weiß Frau Hegemann ja bereits: Jede Berichterstattung ist gute Berichterstattung. Egal, wie man über Dich spricht: Hauptsache, man spricht über Dich.

Frage: Du glaubst, Sie hat von dem Thema also eher wenig Ahnung?

Antwort: Ich glaube, es ist ihr schlichtweg egal.

Frage: Was wünscht Du Dir, gesetzt den Fall, Deine Wünsche würden Wirklichkeit, von den Menschen, die so etwas schreiben?

Antwort: Respekt.
Die Unterlassung von Ableismen.
Und Qualitätsjounalismus, der ohne Witze und Vergleiche auf Kosten anderer auskommt.

Frage: Und von den Leuten, die das hier lesen?

Antwort: Ich gehe stets davon aus, dass ich es mit intelligenten Menschen zu tun habe. Das mag ein Fehler sein, ich weiß. Da ich also nicht annehme, dass einer der Leser hier eine Autismusmetapher verwenden würde, um seinen Text aufzupeppen, wünsche ich mir doch zumindest, dass sie meine Meinung teilen und eine Diffamierung Anderer nicht gutheißen.

Frage: Die Frage ist mir jetzt etwas unangenehm, aber mein Drang nach Erkenntnis zwingt mich, sie trotzdem zu stellen: Ist es unter Autisten üblich, masturbierend an Kronleuchtern zu hängen? Ich konnte keine Hinweise dafür entdecken. Aber vielleicht habe ich ja etwas übersehen.

Antwort: Ich muss mit Bedauern zugeben, dass ich noch nie masturbierend an einem Kronleuchter hing. Auch nicht im Vorschulalter, als mein Körpergewicht mir noch keine Schwierigkeit beim längeren Hängen an einem Arm bereitete. Ich bin mir nicht sicher, ob man aufgrund dessen meine Diagnose anzweifeln kann und erwäge, meine Diagnostikerin bezüglich dieser Thematik um Rat zu fragen.

Frage: (sozusagen) Vielen Dank, dass Du meine Fragen beantwortet hast. Ich denke, jetzt bin ich etwas klüger. 🙂

Gut. Soviel also zu meinen brennendsten Fragen. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass Frau Hegemann in der Tat eines der folgenden Klischees erfüllt:

  • hat keine Ahnung von einem zentralen Begriff, den sie verwendet oder
  • schreibt bewusst Bullshit, damit irgend jemand es eventuell rezipiert oder
  • ist einfach doof wie ein Brett.

Man weiß es nicht. Also, ich weiß es nicht. Ich kenne die gute Frau ja gar nicht. (Das ist sehr schön und darf gerne so bleiben.)

Coda

Mir bleibt also zur weiteren Analyse wenig anderes als der Rest von Frau Hegemanns Text. Das macht es jetzt irgendwie schwierig. Denn der Rest des Textes ist… ach. Frau Hegemann lamentiert. Über Thomas Mann, Felix Krull, Hotte Buchholz, Autismus, skandinavische Krimis. Eigentlich lamentiert sie über alles. Außer Leberwurst und Winterreifen. Der offensichtliche Tenor ihres Lamentos beschäftigt sich irgendwie mit dem von ihr antizipierten Drang, im Internet Perfektion simulieren zu müssen, damit andere Menschen einen liebhaben. Betrachtet man die Dinge, die sie sagt, jedoch etwas genauer, stellt man recht schnell fest, dass die Autorin exakt das anprangert, was ihr dereinst aufgrund ihrer taktisch ungeschickt publizierten Plagiatsorgie widerfuhr.

Dazu möchte ich mich gerne in mehreren Punkten äußern, bevor ich auch schon zum Schluss komme:

  1. Liebe Frau Hegemann. Wenn Sie mal was so richtig dölle Provokantes schreiben wollen, sind masturbierend an Kronleuchtern hängende Kinder auf so vielen Ebenen eine Scheißidee, dass selbst Sie hätten darauf kommen können. Schreiben Sie doch was über platzende Pudel, abgehalfterte Jungautorinnen oder Winterreifen. Das kommt besser. Echt.
  2. Liebe Frau Hegemann. Ich bin auch mal (ist noch gar nicht so lange her) ziemlich erbärmlich Kraft eigenen Versagens total abgesoffen. Ist kein schönes Gefühl. Eines der zahlreichen Dinge, die ich dabei gelernt habe ist, dass es keine besonders intelligente Idee ist, dann weinerlich auf andere Menschen zu deuten und ihnen damit bewusst oder unbewusst das eigene Versagen in die Schuhe schieben zu wollen. Das gibt berechtigterweise keinen Applaus. Lassen Sie es.
  3. Liebe Frau Hegemann. Das mit dem Jungautorinnen-Bonus (wegen der provokanten Stellen) funktioniert nicht mehr. Sie sind inzwischen deutlich über 20. Sorry dafür.
  4. Liebe Frau Hegemann. Die Wikipedia sagt, Sie wären auch Regisseurin und Schauspielerin. Machen Sie das doch ein bisschen öfter. Statt zu schreiben. Fände ich voll gut.

Ich denke, jetzt habe ich genug gesagt. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Der Kronleuchter wartet nicht gern.

Ach ja. Ein Nachwort. Vor den Fußnoten. Ich bin ja nun nicht der Einzige, dem etwas zu dem Thema eingefallen ist. Bitte beachten Sie also auch die Texte von @outerspace_girl, @h4wkey3 und @ennomane. Danke.

Zum Abschluss noch ein paar Fußnoten.

Fußnote 1: Dies ist ein subtiler Hinweis darauf, dass ich schon mal ein Buch in der Hand hatte. Und dass es hier unten Fußnoten gibt.

Fußnote 2: Gehen Ihnen Fußnoten auch so auf den Sack? Fein. Dann haben wir ja etwas gemeinsam. Aber zurück zum Föätong. Natürlich heißt es Feuilleton. Aber ach. Die meisten Menschen sagen hierzulande Föätong, also beuge ich mich der normativen Kraft des Faktischen.

Fußnote 3: Leider in der 257. Auflage. Also ohne Steinlaus. Sehr traurig, das.

Fußnote 4: Ein Begriff, der die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen beschreibt. Gugeln Sie das.

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