Das Morgengrauen, 13. April 2015

Malta stimmt für umstrittene Jagd auf Zugvögel

Endlich mal einen Storch so richtig auf die Fresse hauen.

spon

USA: Dreijähriger erschießt Einjährigen

Überraschungseier sind in den USA übrigens verboten. Zu gefährlich für Kinder. Sie verstehen.

spon

Wasser-Entsalzung gegen die Dürre: Kalifornien will aus dem Pazifik trinken

„Wir haben da ein Problem mit der Wasserverschendung.“

„Sollen wir vielleicht etwas sparsamer damit umgehen?“

„Nein. Wir verbraten einfach nicht nur mehr Wasser, sondern auch noch massenhaft Strom. Und güllen die Meere mit neuen Giftstoffen zu. Dann passt es wieder.“

spon

65-jährige Berlinerin ist jetzt mit Vierlingen schwanger

Sagen wir es mal so: Ich war’s nicht. Gott sei Dank.

tagesspiegel

Das Morgengrauen, 13. April 2015

Das Morgengrauen, 30. März 2015

Arabische Liga beschließt Eingreiftruppe

Ja Mensch. Kaum unterstützt man mal 40 Jahre lang vollkommen hemmungslos alle terroristischen Spinner, die in der Gegend rumlaufen und schon gefährden die die eigene Machtbasis.

tagesschau

Starker Wind bringt Böen bis zu 90 km/h

Tja. Dann werden wir heute wohl mal wieder alle sterben.

tagesspiegel

An American Military Convoy in Europe Aims to Reassure Allies

Ja, doch. Überhaupt sollten viel mehr Panzer durch Europa rollen. Dann fühlen wir uns alle gleich viel sicherer.

ny times

Départementswahlen in Frankreich – Frankreich rückt nach rechts

UND ALS NÄCHSTES NEHMEN SIE UNS DEN RHEIN WEG!

tagesschau

Ansonsten:

Nix.

Na ja.

Flugzeugabsturz halt.

Und die Fußballer haben gegen Georgien gewonnen. Das ist ja auch irgendwie total schön. Ich meine, meine Mutter hat auch schon gegen Georgien gewonnen. Alleine.

*Kaffee schlürfend ab*

Das Morgengrauen, 30. März 2015

Das Morgengrauen, 27. März 2015

Online-Bezahlsystem angekündigt – Banken wollen PayPal Kunden abjagen

Na ja. Man muss den Sparkassenschweinchen ja zumindest zugute halten, dass sie nur 13 Jahre gebraucht haben. Um zu merken, dass es Paypal überhaupt gibt.

tagesschau

Preisverleihung in Berlin: Der Echo wird zur Helene-Fischer-Gala

In einem Land, in dem eine so uninspirierte Heulboje mit ihrem geistlosen Weichspüler-Gedudel zweimal nacheinander den Preis für das „Album des Jahres“ gewinnt, spreche ich der Gesamtbevölkerung jegliche Kenntnis von Musik ab.

rbb-online

So. Mehr war heute nicht los. Wirklich nicht. Tut mir ja auch irgendwie leid. Aber so isses dann halt. Und jetzt: schu schu.

Das Morgengrauen, 27. März 2015

Das Morgengrauen, 26. März 2015

Germanwings Pilot Was Locked Out of Cockpit Before Crash in France

Endlich.

Endlich, endlich, endlich.

Nachdem 36 Stunden nur leere Phrasen, das Geblubber von selbsternannten Experten und das obszöne Draufhalten der Kamera auf Hinterbliebene, Leichenteile und Schulkinder das Einzige war, mit dem die Einschaltquoten gerettet werden konnten.

Endlich gibt es ein Detail, das spicy genug ist, um mindestens zwei Tage lang diese lästigen Lücken zwischen den Werbepausen zu füllen. Und dann auch noch von einer englischsprachigen Quelle. Also kann man es noch ein, zwei Tage länger aufplustern, versteht hierzulande ja gozzeidank keiner.

Ich warte ja auf das erste deutsche Schmierenblättchen, das diese Headline mit ‚Pilot wurde aus dem Cockpit gelockt‘ übersetzt.

nytimes

Kult-Autoshow „Top Gear“: BBC feuert Moderator Jeremy Clarkson

Da haben Millionen eine Online-Petition unterzeichnet, damit der Mann seinen Job behält. Und mal ehrlich, das Vergnügen des Pöbels ist nun wirklich wichtiger als die Tatsache, dass dieses Arschloch Mitarbeiter verdrischt, als wäre er ein ostpreußischer Junker. Denn erst kommen die Spiele. Und dann die Moral.

spon

Länderspiel gegen Australien: Podolski rettet Deutschland vor Blamage

Also. Mal ganz im Ernst. 2:2 gegen Australien. Das ist ungefähr so erbärmlich, als würde man nur 5:0 gegen Brasilien gewinnen.

tagesschau

Das Morgengrauen, 26. März 2015

Sehr viel Tod

Vorbemerkung: Falls Sie jetzt einen Blogpost über den heutigen Absturz eines Passierflugzeugs einer deutschen Fluglinie in Frankreich erwarten: Darum geht es in diesem Text nicht, auch wenn diese Ereignisse mich traurig machen und meine Gedanken bei allen Betroffenen und Angehörigen sind. Ich hoffe, darüber werden andere, die berufener sind als ich, entsprechend berichten. Im Licht dieser tragischen Ereignisse macht der folgende Text eventuell noch etwas mehr Sinn als an einem »normalen« Tag.

Also.

Guten Tag.

Vor einigen Monaten machte eine gute Freundin mich auf ein erstaunliches Projekt aufmerksam. Erstaunlich schon wegen des Namens: 1000 Tode schreiben.
Dieses von der Berliner Verlegerin Christiane Frohmann (bei Twitter: @FrauFrohmann bzw. #1000Tode) angestoßene Projekt beschäftigt sich auf eine sehr eigene Weise mit dem Tod.

Worum geht es?

Frau Frohmann gibt Ebooks heraus. Dieses Ebook ist ein Projekt, zu dem sie Menschen einlädt und auffordert, ihre eigene Sicht und die eigenen Erfahrungen über den Tod zu teilen. Weil die Koordination von vielen Autorinnen und Autoren nicht ganz trivial ist, hat sie dazu ein grundsätzliches Regelwerk bereitgestellt, für alle, die sich daran beteiligen wollen. (Hier der Dropbox-Link dazu.)
Die Autoren dürfen über den Tod schreiben, was sie dazu schreiben wollen; selbstverständlich behält sich Frau Frohmann das Recht der Verlegerin vor, einen Text zu veröffentlichen oder auch nicht. Als Grenze sind den Autoren 3.000 Zeichen gesetzt, eine Mindestlänge für den Text gibt es nicht. Allerdings ist die Obergenze im Einzelfall verhandelbar, der eine oder andere längere Text ist ebenfalls in dem Buch zu finden.
Da das Ebook Geld kostet (4,99 Euro), ist das natürlich auch ein Thema. Die Autoren bekommen nichts. Frau Frohmann auch nicht. Das Geld geht laut Ihrer Aussage an ein Kinderhospiz in Berlin.

Was steht drin?

Hm. Vieles. Wie Objektiv kann und will die Rezension eines Menschen sein, der selbst an diesem Projekt teilnimmt? Nehmen Sie diese Information einfach für den Rest dieses Textes mit und urteilen Sie selbst.
Ich bekam die Version des Buches nach der zweiten Veröffentlichung (insgesamt sollen es vier Iterationen bis zur Buchmesse in Frankfurt im Herbst werden) in die Hand. Und las. Und las. Und las weiter. Vieles, nicht alles. Kurze Texte, lange Texte. Texte, denen ich eine hohe literarische Qualität zusprechen würde. Texte, bei denen das nicht so ist. Ich las Texte von Menschen, die ich nicht kenne. Texte von Menschen, die ich sehr schätze und Texte von Menschen, denen ich in diesem Leben nicht mehr begegnen will.

Was mich an den Texten berührt? Alles. Welche Texte mich berühren? Alle.

Weil es um ein Thema geht, mit dem wir alle zu tun haben und das uns in unseren Grundfesten erschüttern kann wie kein Zweites. Und weil jeder der Schreibenden uns ein Geschenk macht, in dem er uns an einem kleinen Stück einer sehr intimen Erfahrung und seiner Gefühlswelt teilhaben lässt. Dafür: Meinen Dank an alle, deren Texte ich lesen durfte.

Ob Sie das Lesen sollten? Ich weiß es nicht. Ich kenne Ihr Leben nicht, auch nicht Ihr Verhältnis zum Tod. Ich würde es jedenfalls wieder tun, denn ich habe viel gelernt dabei.

Ach ja. Als vollkommen unrepräsentativen Vorgeschmack kann ich Ihnen Text Nr. 358 anbieten. Denn der ist von mir.

358

Eintausend Tode. Sterben wir alle. Zumindest im Lauf der Zeit.

Wenn die geliebte Oma stirbt und du nicht mehr ans Krankenbett darfst, weil du ja noch klein bist.

Wenn die Liebe der Eltern über viele Jahre stirbt. Und du nichts tun kannst, obwohl du das Gefühl hast, irgendwie verantwortlich zu sein.

Wenn der erste aus dem Freundeskreis sich den Goldenen Schuss setzt. Ganz ohne Dokusoap. Und du dich fragst, ob du nicht mehr hättest für ihn tun können, sollen, müssen.

Wenn der erste „Ausländer“, den du kennst, in deiner Heimatstadt von tumben Dorfnazis zum Spaß totgeschlagen wird. Und du im Urlaub bist, am Strand, wo es schön ist.

Wenn du die erste, große, heiße Liebe wiedertriffst und sie von einem Anderen schwanger ist und du dich fragst, was wohl geworden wäre, wenn du dich damals nicht wie so ein trauriges Arschloch verhalten hättest.

Wenn du Zeuge wirst, wie ein Mensch durch Gewalt stirbt. Und du nichts tun kannst, weil du hilflos bist und starr vor Schrecken, Angst und Feigheit.

Wenn deinem Vorgesetzten aus dem Nichts heraus der Kopf abgeschossen wird, in einem gottlosen Land, in einem gottlosen Krieg für gottloses Öl und gottlosen Profit. Und du plötzlich der bist, der fünfzig Leben und Lieben und Träume beschützen muss. Damit du nicht fünfzig weitere Tode sterben musst.

Wenn du tötest, weil du leben willst.

Wenn sie es nicht mehr aushält mit dir, weil du jede Nacht schreiend aufwachst, der vielen Tode wegen. Und du dich fragst, ob du jemals wieder ein Mensch sein darfst.

Wenn du Gutes tun willst und versagst. Und nicht weißt, wie du es erklären kannst, sollst, willst.

Wenn du siehst, wie Menschen in ihr Unglück rennen, mit offenen Augen, lachend, immer schneller und schneller und sie dich nicht rufen hören.

Dann stirbst du einen Tod.

Aber das ist nicht schlimm. Es sind noch viele Tode übrig.

Sehr viel Tod

Das Morgengrauen, 24. März 2015

HINRICHTUNGEN IN DEN USA – UTAH ERLAUBT TOD DURCH ERSCHIESSEN

Weil das Gift für die Giftspritzen ausgeht. Damit die zu Exekutierenden aber nicht allzu enttäuscht sind, dass sie nicht qualvoll vergiftet, sondern nur erschossen werden, dürfen sie beim Erschossenwerden sogar sitzen. Natürlich angeschnallt, damit nichts passieren kann. Das ist doch mal eine zutiefst humane Geste.

tagesschau 

PLÄNE FÜR NEUES STAATSOBERHAUPT: REGIERUNG VON BARBADOS HAT GENUG VON DER QUEEN

Seit dieser Meldung weiß die Queen zumindest, dass es einen Staat namens Barbados gibt. Ist doch auch was.

spiegel 

BLOCKUPY GREIFT FLÜCHTLINGSHEIM AN

Was erdreisten sich die verdammten minderjährigen Flüchtlinge, die ohne Eltern nach Deutschland geflohen sind auch, dem gerechten Zorn von 150-Euro-Turnschuhe tragenden AntikapitalismusaktivistInnen im Weg zu stehen.

welt 

DISPUTE BETWEEN POROSHENKO AND BILLIONAIRE GOVERNOR THREATEN UKRAINE ALLIANCE

Wissen Sie, warum das in der Ukraine gerade alles so gut funktioniert? Weil der Präsidenten-Räuberhauptmann A den Räuberhauptmann B zu seinem Unterräuberhauptmanns-Gouverneur gemacht hat. Und jetzt hat Räuberhauptmann B sich eine lustige kleine Privatarmee gebastelt und wäre gerne ein bisschen mehr wie Räuberhauptmann A. Derweil sitzt Oberräuberhauptmann Vladimir in seinem Räuberversteck, schaut sich das Gerangel der kleinen Racker an und gluckst dabei vergnügt.

ny times

VERBRAUCHER-WARNUNG: EU-KONTROLLEURE ENTDECKEN 2400 GEFÄHRLICHE PRODUKTE

Mhm. Die meisten davon in meiner Kaffeetasse.

spiegel 

Das Morgengrauen, 24. März 2015

Autistic Axolotl

Obacht. Ich werde jetzt ausschweifend.

Guten Tag.

Wissen Sie, wie es ist, wenn man keine Ahnung hat? Ich weiß es, fehlt mir selbige doch recht häufig. Das liegt einfach daran, dass ich mir zwar viele Dinge ergugeln kann, aber ach, Ersatz für eigene Erfahrungen und Erlebnisse ist das nicht. Oder sollte es nicht sein. Für manche Menschen ist es offensichtlich der Kern, zu dessen Verhüllung ein detonierender Pudel nur zeitweilig notwendig ist (Fußnote 1). Einer der Menschen, die ebenso offensichtlich mühelos in der Lage sind, aus frisch Ergugeltem genauso frisches Erbrochenes in Textform zu generieren, ist Frau Helene Hegemann.

Sie können sich an Frau Hegemann nicht mehr erinnern? Macht nichts. Haben wir gleich, keine Bange. Im zarten Alter von siebzehn Jahren veröffentlichte Frau Hegemann ein Buch mit dem schönen Namen »Axolotl Roadkill«. Daraufhin geschahen zwei Dinge. Zunächst beschloss das deutsche Föätong (Fußnote 2), Frau Hegemanns Buch in den höchsten Tönen als besonders »authentisch« in den Himmel zu loben. War doch eine feine, mehrseitige Fickszene drin. Und was gibt es für einen langsam verwelkenden Föätong-Schreiber Großartigeres, als seinen genauso verwelkenden Schrumpfpimmel-Phantasien endlich mal hochgeistig freien Lauf lassen zu können. Die primären Geschlechtsorgane einer Siebzehnjährigen sind ja schon ganz schön geil, darf man halt nicht so sagen. Aber mit dem doppelten Umweg über Literatur und deren nachträgliche Besprechung geht das dann. Die anderen finden es ja genauso verschämt geil.

Das Zweite, das passierte war, dass irgend ein gemeiner Mensch herausfand, dass Frau Hegemann, wenn man wirklich kleinlich ist, weite Teile ihres Buches ja gar nicht geschrieben hat. Sondern geklaut. So mit ohne Fragen. Und so mit als eigenen Geistes Kind ausgeben. Und dann war sie weg vom Fenster, die Frau Hegemann. Dass sie drei Jahre später noch ein Buch geschrieben hat, hat irgendwie keiner mehr mitbekommen.

Frau Hegemann schreibt Dinge

Jedenfalls braucht Frau Hegemann offensichtlich Geld. Verständlich, wer nicht. Und weil ihre Bücher keiner mehr haben will, schreibt sie eben Föätong. Und hey, immerhin in der FAZ. Ich wage zwar nicht zu ermessen, wie viel Geld man für so ein schönes breitgelatschtes Föätong-Ding bekommt (Zwar schreiben häufig traurige Arschlöcher im Föätong, Arschhaarzöpfe hingegen eher nicht. Ich müsste es also gugeln. Aber ach.), aber ich hoffe, es war nicht viel. Denn Frau Hegemann schrieb so himmelschreienden Bullshit, dass es mir die Zehennägel aufrollt. Doch ich schweife ab. Gugeln statt Wissen war der Einstieg.

Also. Frau Hegemann schreibt einen Haufen Zeug. Ich lese es (sollten Sie auch) und beginne, mir eine Meinung zu bilden. Dazu später mehr. Und dann bleibe ich am Begriff »autistisch« hängen. Dazu und damit schreibt Frau Hegemann auch so allerlei. Das ist in dem Moment aber schon gar nicht mehr mein wichtigstes Problem. Die schrulligen Vergleiche, die sie unter dem Deckmantel des Autismus zieht, sind es. Um das besser zu verstehen, schlage ich erst mal den Begriff nach.

»Autismus«, so das klinische Wörterbuch von Pschyrembel (Fußnote 3), ist eine »Kontaktstörung mit Rückzug auf die eigene Vorstellungs- und Gedankenwelt und Isolation von der Umwelt«.

Aha.

Mal fragen

Schlägt man in der Wikipedia nach, erhält man das Ganze noch etwas ausführlicher. Davon, dass wie Frau Hegemann schreibt, Autisten bereits im Vorschulalter masturbierend an einem Kronleuchter hängen, steht da allerdings nichts. Ich wusste mir, Gugel hin, Wikipedia her, einfach keinen anderen Rat, als jemanden zu fragen, der mehr Ahnung von der Materie hat als ich jemals haben werde. Also fragte ich einen Menschen mit Autismus. In diesem Fall eine Autistin, namentlich @outerspace_girl. Sie hatte den Artikel auch gelesen, wir hatten also eine gute Basis für ein informatives Gespräch. Dieses verlief schriftlich und (der für diesen Blogpost relevante Teil) folgendermaßen:

Frage: Warum ärgert Dich der Artikel so sehr?

Antwort: Wir nennen uns eine tolerante Gesellschaft. Man ist politisch korrekt und macht im Idealfall weder Witze über die ethnische Herkunft, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung einer Person. Besonders nicht, wenn man zu den akademisch gebildeten Personen, zu denen ich Journalisten zähle, gehört. Man zeigt im Rahmen der Meinungsfreiheit weitestgehend Respekt voreinander und Behinderte müssen nicht als Vorlage für flache Witze und schlechte Vergleiche herangezogen werden.

Bis auf die kleine Gruppe der Autisten.

Für uns scheinen diese Regeln nicht zu gelten und so werden wir sehr oft Gegenstand verschiedenster Ableismen (Fußnote 4): Wann immer man Egozentrik, Eigenbrötlerei, soziale Inkompetenz, Menschenfeindlichkeit oder schlicht nur Sturheit einen gebildet klingenden Deckmantel geben will, kommt der Autismus ins Spiel. Dass Autisten, die Tag für Tag mit ihren Einschränkungen leben (die oft so gar nichts mit dem jeweils Beschriebenen zu tun haben), so zur Witzfigur oder schlimmstenfalls zum Opfer harscher Beleidigungen werden, scheint für die Schreibenden nicht relevant zu sein.
Wehren wir Autisten uns dagegen, begehren wir auf (was wir via Twitter und Blogs oft genug versuchen), hören wir nicht selten Phrasen wie „Stellt euch doch nicht so an, das ist doch nicht so gemeint“, die nur noch mehr betonen, wie wenig Achtung man vor uns hat.
„Autistisch ist das neue schwul“, twitterte ich letztens traurig und ich fürchte, dass die völlig falsche Annahme, Autisten hätten keine Emotionen, solche Menschen glauben lässt, sie können uns mit all dem auch nicht verletzen.

Frage: Du fühlst Dich also durch den Artikel verunglimpft?

Antwort: Sehr.
Medien sind meinungsbildend.
Gut sieht man das an den folgenden zwei Beispielen:
Nach jedem Amoklauf eines vermeintlich autistischen Täters – und davon gab es in den letzten zwei Jahren leider einige, doch keiner der Täter war Autist – fürchten Menschen, alle Autisten seien potentielle Amokläufer.
Rain Man, der 1988 erschienene Film mit Dustin Hoffman, prägt nach beinahe 30 Jahren noch immer die Vorstellung von Autismus, obwohl der Film rein gar nichts mit Autismus zu tun hat. Man sieht in uns die vor- und zurückwippenden Inselbegabten und jeder, der nicht in das Bild passt, kann ja gar kein richtiger Autist sein.

Wenn man Verständnis, Rücksicht und Hilfe möchte, kommt man um ein Outing nicht herum. Es ist jedoch nahezu unmöglich oder zumindest recht unklug, sich zu outen, wenn mein Gegenüber daraufhin glaubt, ich sei ein potentieller Massenmörder, ein egozentrischer Irrer, ein inselbegabter Psychopath oder jemand, der nur ein mit Haut überzogener Roboter ohne Gefühle ist.

Ich bin aber einfach nur ein Mensch. Eine recht normale Frau, die ein paar Einschränkungen und Schwierigkeiten mehr hat als neurotypische Menschen. Eine Person mit einer Behinderung, die ebenso akzeptiert und gemocht werden will, wie alle anderen auch.

Frage: Was glaubst Du, was Frau Hegemann mit ihrem Autismus-Vergleich in ihrem Artikel erreichen will?

Antwort: Ich kann – und ich muss an dieser Stelle zugeben, ein bisschen froh darüber zu sein – nicht in Frau Hegemanns Kopf schauen. Vielleicht wollte sie besonders schlau klingen. Eventuell ging es darum, ihren Worte auf eine sehr drastische Art und Weise Ausdruck zu verleihen. Es kann aber auch sein, dass sie die Formulierung mit voller Absicht gewählt hat, wissend, dass wir darüber berichten. Denn das weiß Frau Hegemann ja bereits: Jede Berichterstattung ist gute Berichterstattung. Egal, wie man über Dich spricht: Hauptsache, man spricht über Dich.

Frage: Du glaubst, Sie hat von dem Thema also eher wenig Ahnung?

Antwort: Ich glaube, es ist ihr schlichtweg egal.

Frage: Was wünscht Du Dir, gesetzt den Fall, Deine Wünsche würden Wirklichkeit, von den Menschen, die so etwas schreiben?

Antwort: Respekt.
Die Unterlassung von Ableismen.
Und Qualitätsjounalismus, der ohne Witze und Vergleiche auf Kosten anderer auskommt.

Frage: Und von den Leuten, die das hier lesen?

Antwort: Ich gehe stets davon aus, dass ich es mit intelligenten Menschen zu tun habe. Das mag ein Fehler sein, ich weiß. Da ich also nicht annehme, dass einer der Leser hier eine Autismusmetapher verwenden würde, um seinen Text aufzupeppen, wünsche ich mir doch zumindest, dass sie meine Meinung teilen und eine Diffamierung Anderer nicht gutheißen.

Frage: Die Frage ist mir jetzt etwas unangenehm, aber mein Drang nach Erkenntnis zwingt mich, sie trotzdem zu stellen: Ist es unter Autisten üblich, masturbierend an Kronleuchtern zu hängen? Ich konnte keine Hinweise dafür entdecken. Aber vielleicht habe ich ja etwas übersehen.

Antwort: Ich muss mit Bedauern zugeben, dass ich noch nie masturbierend an einem Kronleuchter hing. Auch nicht im Vorschulalter, als mein Körpergewicht mir noch keine Schwierigkeit beim längeren Hängen an einem Arm bereitete. Ich bin mir nicht sicher, ob man aufgrund dessen meine Diagnose anzweifeln kann und erwäge, meine Diagnostikerin bezüglich dieser Thematik um Rat zu fragen.

Frage: (sozusagen) Vielen Dank, dass Du meine Fragen beantwortet hast. Ich denke, jetzt bin ich etwas klüger.🙂

Gut. Soviel also zu meinen brennendsten Fragen. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass Frau Hegemann in der Tat eines der folgenden Klischees erfüllt:

  • hat keine Ahnung von einem zentralen Begriff, den sie verwendet oder
  • schreibt bewusst Bullshit, damit irgend jemand es eventuell rezipiert oder
  • ist einfach doof wie ein Brett.

Man weiß es nicht. Also, ich weiß es nicht. Ich kenne die gute Frau ja gar nicht. (Das ist sehr schön und darf gerne so bleiben.)

Coda

Mir bleibt also zur weiteren Analyse wenig anderes als der Rest von Frau Hegemanns Text. Das macht es jetzt irgendwie schwierig. Denn der Rest des Textes ist… ach. Frau Hegemann lamentiert. Über Thomas Mann, Felix Krull, Hotte Buchholz, Autismus, skandinavische Krimis. Eigentlich lamentiert sie über alles. Außer Leberwurst und Winterreifen. Der offensichtliche Tenor ihres Lamentos beschäftigt sich irgendwie mit dem von ihr antizipierten Drang, im Internet Perfektion simulieren zu müssen, damit andere Menschen einen liebhaben. Betrachtet man die Dinge, die sie sagt, jedoch etwas genauer, stellt man recht schnell fest, dass die Autorin exakt das anprangert, was ihr dereinst aufgrund ihrer taktisch ungeschickt publizierten Plagiatsorgie widerfuhr.

Dazu möchte ich mich gerne in mehreren Punkten äußern, bevor ich auch schon zum Schluss komme:

  1. Liebe Frau Hegemann. Wenn Sie mal was so richtig dölle Provokantes schreiben wollen, sind masturbierend an Kronleuchtern hängende Kinder auf so vielen Ebenen eine Scheißidee, dass selbst Sie hätten darauf kommen können. Schreiben Sie doch was über platzende Pudel, abgehalfterte Jungautorinnen oder Winterreifen. Das kommt besser. Echt.
  2. Liebe Frau Hegemann. Ich bin auch mal (ist noch gar nicht so lange her) ziemlich erbärmlich Kraft eigenen Versagens total abgesoffen. Ist kein schönes Gefühl. Eines der zahlreichen Dinge, die ich dabei gelernt habe ist, dass es keine besonders intelligente Idee ist, dann weinerlich auf andere Menschen zu deuten und ihnen damit bewusst oder unbewusst das eigene Versagen in die Schuhe schieben zu wollen. Das gibt berechtigterweise keinen Applaus. Lassen Sie es.
  3. Liebe Frau Hegemann. Das mit dem Jungautorinnen-Bonus (wegen der provokanten Stellen) funktioniert nicht mehr. Sie sind inzwischen deutlich über 20. Sorry dafür.
  4. Liebe Frau Hegemann. Die Wikipedia sagt, Sie wären auch Regisseurin und Schauspielerin. Machen Sie das doch ein bisschen öfter. Statt zu schreiben. Fände ich voll gut.

Ich denke, jetzt habe ich genug gesagt. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Der Kronleuchter wartet nicht gern.

Ach ja. Ein Nachwort. Vor den Fußnoten. Ich bin ja nun nicht der Einzige, dem etwas zu dem Thema eingefallen ist. Bitte beachten Sie also auch die Texte von @outerspace_girl, @h4wkey3 und @ennomane. Danke.

Zum Abschluss noch ein paar Fußnoten.

Fußnote 1: Dies ist ein subtiler Hinweis darauf, dass ich schon mal ein Buch in der Hand hatte. Und dass es hier unten Fußnoten gibt.

Fußnote 2: Gehen Ihnen Fußnoten auch so auf den Sack? Fein. Dann haben wir ja etwas gemeinsam. Aber zurück zum Föätong. Natürlich heißt es Feuilleton. Aber ach. Die meisten Menschen sagen hierzulande Föätong, also beuge ich mich der normativen Kraft des Faktischen.

Fußnote 3: Leider in der 257. Auflage. Also ohne Steinlaus. Sehr traurig, das.

Fußnote 4: Ein Begriff, der die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen beschreibt. Gugeln Sie das.

Autistic Axolotl